Zwischenbericht von "Geschichte für Alle e.V." zu Wilhelm Burkhardt

Freitag, 24. Juli 2026

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Am Montag, dem 20.07.2026 wurde im Rahmen einer öffentlichen Gemeinderatssitzung ausführlich vom Nürnberger Institut Geschichte für Alle (Vortragende Frau Dr. Narz und Herr Urban) ein Zwischenbericht / Werkstattbericht über die bisherigen Erkenntnisse zum ehemaligen Bürgermeister Wilhelm Burkhardt erläutert. Die Untersuchungen von Geschichte für Alle sind zwar noch nicht abgeschlossen, doch dürfen wir im nächsten Frühjahr/Sommer mit der Veröffentlichung der gesammelten Erkenntnisse zur Allersberger Ortsgeschichte in Buchform rechnen, soweit sie vom Gemeinderat beauftragt wurde. Bei Wilhelm Burkhardt ging es um die Frage, ob die nach ihm benannte Straße umbenannt werden sollte.

Im Sinne der Transparenz zu der letztlich getroffenen Entscheidung veröffentlichen wir auf der gemeindlichen Homepage sowie der HeimatInfoApp die gesamte, 24-seitige Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse – wobei das spätere Buch sicherlich noch deutlich differenzierter, detaillierter und vor allem umfassender sein wird.

Ich hoffe, dass möglichst viele Allersberger Bürger im Sinne einer wohlverstandenen Erinnerungskultur nicht nur diese 24 Seiten lesen, sondern sich dann auch das Buch besorgen werden!

Für alle, die diese Zeit oder Geduld nicht aufbringen, hier die aus unserer Sicht wesentlichsten Ergebnisse in kürzester Form:

 

Belastende Momente:                

68 Tage formale Mitgliedschaft in der SA im Jahr 1934

2 Tage Mitgliedschaft als Scharführer, danach Ausscheiden aus SA

Entlastende Momente:               

Keine Hinweise auf aktive Betätigung in der SA oder Beteiligung an Verbrechen/Aktionen („kein SA Schläger“)

Eintritt aus wirtschaftlichem Druck und opportunistischen Erwägungen, Anpassung an das Regime, nicht einer inneren nationalsozialistischen Gesinnung


Belastende Momente:                

10 Werbeanzeigen für seinen Büromaschinenhandel im Stürmer im Jahr 1934 (antisemitisches Hetzblatt)

Entlastende Momente:               

Hintergrund dürften ebenfalls wirtschaftliche, opportunistische Anpassung an das Regime gewesen sein


Belastende Momente:                

Keine offene Opposition, vielmehr Anpassung an die Verhältnisse auch trotz offensichtlicher Gewalttaten des Regimes (wie Großteil der Deutschen)
Entlastende Momente:               

Kritische Einstellung zum Regime im vertrauten Kreis – kein Nationalsozialist


Wirtschaftlicher Erfolg:              

Burkhardt als erfolgreicher Unternehmer nicht nur vor und nach, sondern auch während der NS Zeit

Verdienste um Allersberg:         

Versuch, Allersberg in den letzten Kriegstagen vor der Zerstörung zu schützen
Übernahme von Verantwortung von April bis November 1945 unter schwierigsten Umständen im zerstörten Allersberg
Aufbau demokratischer Strukturen 
Unermüdliches und kreatives Wirken für seine Mitbürger, insbesondere Obdachlose und Geschädigte

Verhalten:                                         

Anständiger Umgang mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, die ihm dankten, zum Bürgermeister vorschlugen und nach ihrer Rückkehr in die Heimat entlasteten

Verstecken eines Deserteurs der Wehrmacht vor der SS laut einem Zeitzeugenbericht (veröffentlicht in Buchform in den 90ziger Jahren)

Ambivalentes Verhalten des gesamten Marktrats wie auch des/der Bürgermeister gegenüber arisierten Geiershöferschen Vermögen

 

Fazit:                                                  

Zitat: 
„In Burkhardts Biografie finden sich fraglos Aspekte, die als vorbildlich gelten können. Als erster Nachkriegsbürgermeister setzte er sich in einer akuten Notlage unter äußerst schwierigen Bedingungen für die Gemeinde Allersberg ein und stellte die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern sicher. Als Unternehmer schuf er in einer prekären Zeit Arbeitsplätze. Als Wehrmachtsangehöriger und Hausherr behandelte er Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter respektvoll. Doch es finden sich in seiner Vita auch solche Aspekte, die zweifelsfrei keinen Vorbildcharakter haben. Selbst wenn Burkhardt der SA nicht aus ideologischer Überzeugung beigetreten sein sollte, selbst wenn er den „Stürmer“ nur benutzte, um sich wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen, so offenbaren beide Schritte eine aus heutiger Sicht eine ethisch fragwürdige Haltung. Burkhardt war nach aktuellem Kenntnisstand zu keinem Zeitpunkt an Verfolgungs- oder Gewaltgeschehen beteiligt. Er übte keine leitenden Funktionen und Ämter innerhalb der Partei oder ihren Gliederungen aus und trat nach 1934 nicht mehr an exponierter Stelle in Erscheinung. Einige Institutionen, denen er zeitweise angehörte, die er durch Mitgliedsbeiträge und Anzeigenhonorare unterstützte, widersprachen in ihren Grundsätzen jedoch eindeutig unseren „demokratischen Grundprinzipien“. Wilhelm Burkhardt ist also ein klassischer „Kategorie B“-Fall: eine diskussionswürdige historische Persönlichkeit im Graubereich, die nicht erheblich, aber doch teilweise belastet ist. Seine Biografie weist sowohl würdigungswerte als auch belastende Aspekte auf. In der Handreichung der Fachkommission des Deutschen Städtetags werden diese Persönlichkeiten als Grenzfälle bezeichnet, weil „ihr Wirken auf die gesamte Lebensspanne hin betrachtet zumindest als kontrovers zu beurteilen ist."

 

Zum Straßennamen:                    

„Weil sich im Fall Burkhardt insgesamt keine durchgängige Vorbildfunktion belegen lässt und weil er von den in der Handreichung formulierten Ausschlusskriterien für Straßenbenennungen zumindest indirekt betroffen ist, ist von einer Beibehaltung des Straßennamens in der aktuellen Form abzuraten. Eine Ehrung in dieser Form erscheint durch Burkhardts freiwillige Zugehörigkeit zu einer Terror-Organisation und durch die Nutzung eines antisemitischen Mediums für geschäftliche Zwecke auf jeden Fall problematisch.“

Kurz gesagt: Den Straßennamen einfach stehen zu lassen – davon wird abgeraten. 
Das Institut empfiehlt damit zwei mögliche Entscheidungen oder Vorgehensweisen, die beide vom Deutschen Städtetag gedeckt wären: 
1) Kontextualisierung (bei Beibehalten des Namens)
„Sollte sich der Gemeinderat dennoch entscheiden, den Namen beizubehalten, wird eine kritische Kommentierung – also eine sichtbare, dauerhafte Kontextualisierung auf einem Zusatzschild oder einer ergänzenden Informationstafel – empfohlen. So könnten die neuen Befunde immerhin öffentlich dokumentiert, eingeordnet und ein erinnerungskultureller Mehrwert geschaffen werden. Über die Ereignisse der vergangenen Jahre transparent zu informieren, würde unterstreichen, dass Erinnerungskultur ein dynamischer Vorgang ist, der in einer Demokratie auch konfliktbehaftet sein darf. So würde die Straße als historischer Lernort in Erscheinung treten. Dieses Vorgehen ist etabliert und wird auch vom Deutschen Städtetag in ähnlichen Fällen empfohlen.“
 
2) Straßenumbenennung (ebenfalls mit Kontextualisierung)
„Auch für den Fall, dass sich der Gemeinderat für eine Umbenennung entscheidet, weil „neue historische Bewertungen vorliegen, die eine Benennung nach heutigen Grundsätzen verbiete[n]“65, kann die Anbringung eines Zusatzschildes oder einer Informationstafel der Tatsache Rechnung tragen, dass die Debatte um die Straßenbenennung inzwischen selbst Teil der Ortsgeschichte geworden ist. Denkbar wäre, die Allersberger Bevölkerung beispielsweise im Rahmen eines Bürgerforums an diesem Prozess zu beteiligen.“

 

Ergebnis:                                           

Der Gemeinderat hat sich mit deutlicher Mehrheit für die Variante 2, die Straßenumbenennung entschieden.

 

Nachrichtlich:                                

Parallel dazu wurde über das erneute Aufhängen der Bilder der Bürgermeister ab 1945 entschieden, weil zumindest im Fall Josef Schön eine erhebliche NS – Belastung  (Ab 1932 Mitglied der NSDAP, der NSBO, der SA im Rang eines Oberscharfführers, des Gemeinderats von 33-45 und persönliche Beteiligung an Arisierung jüdischen Vermögens) gegeben war.

Ergebnis:            

Der Gemeinderat entschied sich für das erneute Aufhängen nach Sanierung des Gilardihauses, bei gleichzeitiger Kontextualisierung (Anbringen entsprechender Hinweise)

 

Daniel Horndasch
Erster Bürgermeister

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